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Joachim Scheer, der wohl bekanteste Lahnsteiner

AKW-Gegner

Unvergessen sein Kampf gegen das AKW Mülheim-Kärlich

Die Rhein-Zeitung schrieb am 13. November 2010

David gegen Goliath

Kann man als einfacher Bürger ein Großprojekt wie Stuttgart 21 verhindern? Oder einen Castor-Transport aufhalten? Man kann, sagt Joachim Scheer. Vor 20 Jahren hat er mit wenigen Gleichgesinnten das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich lahmgelegt.

Betritt man das Haus von Joachim Scheer in Lahnstein, gelangt man in eine garantiert „atomwaffenfreie Zone“. Ein kleiner gelber Aufkleber an der Haustür erklärt das, darunter prangen das Yin und das Yang, die Zeichen für ein Leben zwischen Gegensatz und Ausgleich. In der Küche steht ein Transparent mit der Aufschrift „Ihr kriegt uns nicht weg, wir euch schon“ – immer griffbereit für die nächste Demo. Hier lebt ein Mensch mit einer Haltung. Ein homo politicus. Oder ein Berufsprotestler? Das Wort hört Joachim Scheer nicht gern. „Nein, nein“, sagt der 61-Jährige. Ein Berufsprotestler ist er nicht. Schon weil ihm seine Arbeit als Sozialpädagoge viel zu wichtig sei. Aber wenn man von etwas überzeugt ist, müsse man bereit sein, dafür auch wirklich einzutreten, mit allen Konsequenzen.

Scheer war davon überzeugt, dass der Bau des Atomkraftwerks in Mülheim-Kärlich Unrecht war. Dafür hat er sich viele Jahre seines Lebens durch komplizierte Akten gekämpft, in Gerichtssälen und für einige Tage auch in Beugehaft gesessen, weil er sich weigerte, die Anwaltskosten für einen Prozess zu zahlen, der niemals stattfand. Darüber musste das Privatleben zurückstehen, darüber hat er manchmal ein wenig den Überblick über sein Leben verloren. Trotzdem würde er es wieder tun.

  

Er hätte damals in den 70er-Jahren auch sagen können: Das geht mich nichts an. Meine Familie ist mir wichtiger. Oder: Da kann man sowieso nichts machen. „Aber diese Einstellung habe ich nie gehabt.“

Was bringt Menschen dazu, eine öffentliche Angelegenheit derart zu ihrer eigenen zu machen? Tagelang in der Kälte auf den Gleisen auszuharren, um einen Castor-Transport aufzuhalten oder über Wochen und Monate den Park am Stuttgarter Hauptbahnhof zu bewachen? Oder eben, wie Scheer, als David vor Gericht zu ziehen gegen einen Goliath wie eine Landesregierung?

Joachim Scheer hat sich als Jugendlicher eigentlich nicht „groß für Politik interessiert“, wie er sagt. „Das waren für mich böhmische Dörfer.“ Er war bei der Bundeswehr, wie so viele in der Region am Mittelrhein, einem ruhigen, eher konservativen Pflaster. Viele Beamte, viele Soldaten, viel Loyalität. Und offenbar der ideale Ort für ein Atomkraftwerk. „Damals war noch eine ganz andere Stimmung als heute. Alle waren für Atomkraft. Sie galt als Zukunftstechnologie.“ Auch für Scheer war der geplante Bau in Mülheim-Kärlich kein Thema – bis ein Infostand der „Aktion Atomschutz Mittelrhein“ in der Koblenzer Fußgängerzone seine Aufmerksamkeit erregte. „Und was ich dort erfahren habe, fand ich ungeheuerlich.“ Mit dem Bau des AKW in Mülheim-Kärlich, etwa zehn Kilometer entfernt, war 1975 begonnen worden. Weil missliebige Gutachten, die den sensiblen Standort im Erdbebengebiet oder den Reaktortyp für bedenklich hielten, einfach in Schubladen verschwunden sind, wie Scheer sagt.

„Je mehr Informationen ich erhielt, desto überzeugter war ich, dass die Bürger für dumm verkauft wurden.“ Das war es, was Joachim Scheer so sehr gegen den Strich ging, dass er aktiv wurde. „Mir ging es zunächst in erster Linie nicht um Widerstand gegen Atomenergie“, sagt er.

Aber alle Bedenken seien damals vonseiten der Politik weggewischt worden. Ohne das Kraftwerk gingen bald die Lichter aus, habe es geheißen. Das zieht, damals wie heute, meint Scheer. Und das ärgert ihn.

Er nimmt einen Schluck aus seiner großen blauen Teetasse. Die Wellensittiche kreischen. Der gelbe und der blaue Vogel sitzen nebeneinander auf der Lampe seiner Küche. Sie dürfen das. „Ihr Lieblingsplatz“, erklärt Scheer. Doch er lässt sich nicht gern ablenken, wenn er einmal bei dem Thema ist. Seinem Thema. Er spricht schnell, er hat das alles oft erzählt, doch die Geschichte muss schon komplett sein. „Entschuldigung, ich schweife manchmal ab und verliere mich in Details“, sagt er. Man müsse ihn dann stoppen. Er spricht von TG 1, der ersten und damit grundlegenden Teilerrichtungsgenehmigung für den Bau des Werks, doch er kennt auch TG 2 bis 8 auswendig. Er weiß, was Juristen meinen, wenn sie von Regelungsgehalten und Freigaben sprechen. Wollte jemand ein Atomkraftwerk bauen, wäre er wahrscheinlich gar kein schlechter Berater. Selbstverständlich käme das niemals infrage. 250 Ordner mit Akten hat er in einem kleinen Raum aufbewahrt. Wozu er die heute noch braucht? Er schaut irritiert. Was für eine Frage. „Das ist ein Lebenswerk“, sagt er eindringlich.

Während Greenpeace-Aktivisten den Kühlturm erklommen, vertiefte sich Scheer wie die Vorreiterin des Protests gegen das AKW, Helga Vowinckel, ins Kleingedruckte. Viele Linke hätten ihm das zum Vorwurf gemacht. Man dürfe sich nicht auf das Spiel der Gegner einlassen, nicht ihre Sprache sprechen, nicht ihre Mittel nutzen. Doch Scheer ließ sich auf den langen Marsch durch die Institutionen ein – und am Ende zwangen die emsigen Kläger den Energieriesen RWE und die damalige CDU-Landesregierung von Rheinland-Pfalz in die Knie. Am 9. September 1988 erreichte der Rentner Walter Thal vor dem Bundesverwaltungsgericht die Stilllegung des AKW – 13 Jahre, nachdem Scheer angefangen hatte, den Protest zu unterstützen, und zwei Jahre nach dem Tod der Koblenzer Lehrerin Helga Vowinckel, die so maßgeblich zum Erfolg der Klagen beigetragen hatte.

Ein altes Foto zeigt Scheer als junger Mann mit Vollbart, eine große Kiste mit Aktenordnern in den Gerichtssaal tragend. Oft habe ihm Helga Vowinckel leid getan. „Man stellte sie vor Gericht als schrullige ältere Dame hin, als Spinnerin. Sie hat sich aber nie beirren lassen.“ Vowinckel war es auch, die ihn Anfang der 80er-Jahre davon überzeugte weiterzumachen, als er aufhören wollte. Weil er nicht mehr konnte. Sie hatte Erfolg. „Ich kannte mich inzwischen so gut aus. Ich habe auch heute keine Angst, mit Ministern darüber zu diskutieren. Ich weiß mehr als sie.“ Man entwickelt auch Selbstbewusstsein, wenn man so lange für eine Sache kämpft.

1988 war der Kampf nicht zu Ende. Eine neue erste Genehmigung wurde von der Landesregierung auf den Weg gebracht. Scheer klagte mit vier weiteren Privatleuten erneut. Es dauerte noch einmal zehn Jahre bis endgültig entschieden war, dass Mülheim-Kärlich nie wieder ans Netz gehen darf.

Große Demonstrationen wie jetzt bei den Castor-Transporten hat es damals nicht gegeben. „Wir waren 15, 20 Leute. Mehr Unterstützung hätte es schon leichter gemacht“, sagt er heute. Am Wochenende war er zum ersten Mal bei einer Kundgebung in Gorleben dabei, ist morgens in aller Frühe losgefahren, erst am späten Abend zurückgekehrt. „50 000 Menschen waren dort, aus allen Schichten“, erklärt er begeistert. „Wir saßen damals manchmal in einem halb leeren Gerichtssaal.“ Getrieben von der Überzeugung, etwas grundlegend Falsches richtigstellen zu müssen. Der Streit um Mülheim-Kärlich hat ihn in seinem Glauben an die Demokratie bestärkt. „Man kann etwas erreichen. Man kann als Bürger auch gegen einen großen Konzern gewinnen, indem man seine Rechte wahrnimmt.“ Er will den Protest nicht zum Prinzip erklären. Aber wenn Politik nach dem Motto „Augen zu und durch“ regiere, dürfe sich niemand wundern, wenn Bürger aufstehen. So sei das auch bei Stuttgart 21. Ein Kreuzchen bei den Wahlen ist kein Freibrief für die Politik, nach Gutsherrenart zu regieren, meint der Pädagoge.

Das Argument, dass auf dem Weg zum umstrittenen Bahnhofsprojekt demokratische Instanzen durchlaufen wurden, zählt nicht. Die Politik hat versagt, weil sie die Bürger nicht mitnahm auf die Reise. Punkt. Scheer wird energisch. „Die Abläufe eines Großprojekts sind immer kompliziert und schwer vermittelbar, aber man muss die Leute doch trotzdem darüber aufklären, was es bedeutet, wenn ein Atomkraftwerk in ihrer Nachbarschaft gebaut wird.“ Auch bei Stuttgart 21 wurde dieser Schritt aus seiner Sicht versäumt. „Es ist eben die Aufgabe von Politikern, auf die Bürger zuzugehen, eine offene, ehrliche Politik zu machen, ohne den Interessen von Lobbyisten auf den Leim zu gehen.“

Er hätte in die Politik wechseln, es besser machen können, doch das wollte er nicht. Scheer ist Mitglied der Grünen, hat aber nie Ämter angestrebt. „Ich will mich nicht verzetteln. Und ich will mich nicht mehr übernehmen“, erklärt er.

Der Kühlturm am AKW Mülheim-Kärlich ragt hoch in den dunkelgrauen Novemberhimmel. 2013 soll auch er, das weithin sichtbare Zeichen eines glücklosen Bauprojekts, verschwinden. Joachim Scheer will auch dann noch dabei sein. Er will diese Sache zu Ende bringen. Sein Lebenswerk.

RENA LEHMANN

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Rh.-Lahn-Ztg. Bad Ems vom Samstag, 13. November 2010, Seite    

 

  

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